Fachwissen · Allgemein- & Regionalanästhesie
Anästhesieverfahren
Narkoseverfahren, RSI, TIVA, volatile Anästhetika und Regionalanästhesie im Überblick.
Anästhesieverfahren im Überblick
Grundlagen, Durchführung, Indikationen und Komplikationen der Allgemein- und Regionalanästhesie.
Die 4 klassischen Säulen der Allgemeinanästhesie
Bewusstseinsausschaltung
Verlust des Bewusstseins und Verhinderung von intraoperativer Wachheit (Awareness) durch i.v.-Hypnotika (Propofol, Thiopental, Etomidat) oder Inhalationsanästhetika (Sevofluran, Desfluran).
Schmerzausschaltung
Unterdrückung nozizeptiver Reize durch hochpotente Opioide (Fentanyl, Sufentanil, Remifentanil), S-Ketamin oder begleitende Regionalverfahren.
Willkürmotorik-Blockade
Schlaffe Lähmung der quergestreiften Muskulatur zur Intubation und Verbesserung der OP-Bedingungen durch Muskelrelaxanzien (z.B. Rocuronium, Cisatracurium).
Reflexdämpfung (Homöostase)
Kontrolle autonomer Schutzreflexe (Tachykardie, Hypertonie, Schwitzen, Laryngospasmus) durch adäquate Narkosetiefe und Analgesie.
Balancierte Anästhesie
Inhalativ + i.v.Kombination aus einem volatilen Inhalationsanästhetikum (Aufrechterhaltung der Hypnose) und intravenösen Opioiden/Muskelrelaxanzien nach i.v.-Einleitung.
Volatile Anästhetika & MAC-Wert (Minimale Alveoläre Konzentration)
Definition MAC50: Alveoläre Konzentration eines Gases bei 1 atm, bei der 50% der Patienten auf einen definierten Hautschnitt nicht mehr mit Abwehrbewegungen reagieren.
| Substanz | Farbcode Vapor | MAC (40 J., in O₂; Mapleson) | Siedepunkt | Besonderheiten |
|---|---|---|---|---|
| Sevofluran | Gelb | 1,80 Vol% | 58,5 °C | Schleimhautfreundlich, geeignet zur Maskeneinleitung (Kinder), Bronchodilatation. |
| Desfluran | Blau | 6,60 Vol% | 22,8 °C | Spezialvapor (beheizt auf ~39°C), sehr schnelle An-/Abflutung, atemwegsreizend (nicht zur Einleitung!), hohes Treibhauspotenzial. Seit 01.01.2026 in der EU im Regelfall verboten; nur bei zwingender medizinischer Begründung als Ausnahme zulässig. |
| Isofluran | Lila | 1,17 Vol% | 48,5 °C | Insbesondere als Inhalationssedierung auf Intensivstationen gebräuchlich; weitere Anwendungen abhängig von Zulassung und Hausstandard. |
Die MAC-Richtwerte gelten für ein Alter von 40 Jahren und entsprechen der Berechnungsgrundlage im MAC-Rechner (Mapleson). Individuelle Anästhesietiefe und Medikamentenkombinationen können abweichen.
TIVA (Totale Intravenöse Anästhesie)
100% IntravenösVollständiger Verzicht auf Inhalationsanästhetika. Die Narkoseführung erfolgt ausschließlich über Spritzenpumpen (Perfusoren) oder TCI-Systeme (Target Controlled Infusion), meist mit Propofol + Remifentanil (oder Sufentanil).
Indikationen und bevorzugte Einsatzbereiche für TIVA
- Maligne Hyperthermie (MH): Bei MH-Disposition ist eine triggerfreie Anästhesie zwingend; TIVA ist dafür ein geeignetes Verfahren. Nicht jede Muskelerkrankung erfordert grundsätzlich TIVA.
- Hohes PONV-Risiko: TIVA mit Propofol kann das PONV-Risiko reduzieren (relative Indikation).
- Neurochirurgie / SHT: Häufig sinnvolle Verfahrensoption, abhängig von Eingriff, neurologischem Zustand und Anästhesiekonzept (keine generelle Pflicht).
- Eingriffe an den Atemwegen: In ausgewählten Situationen vorteilhaft, z. B. Bronchoskopie oder geteiltem Atemweg; keine zwingende Indikation bei jeder Ein-Lungen-Ventilation.
ATA-Praxischeck bei TIVA (Awareness-Prävention!)
- Sichtbarer Venenzugang: Regelmäßige Kontrolle auf Paravasate oder Diskonnektion.
- Rückschlagventile (RSV): Verhindern das Rückfließen von Propofol in die Infusionsleitung!
- EEG-/BIS-Monitoring: Insbesondere bei zusätzlicher Muskelrelaxation dringend empfohlen.
RSI – Rapid Sequence Induction (Blitzeinleitung / Ileuseinleitung)
Indikationen (Nicht-nüchtern)
- Akutes Abdomen, Ileus, Subileus, Peritonitis
- Nicht-nüchterner Notfallpatient, Polytrauma
- Schwangerschaft mit relevantem Aspirationsrisiko / Sectio nach individueller Planung
- Akute obere GI-Blutung
- Symptomatischer gastroösophagealer Reflux, Hiatushernie
- Schwere Schmerzzustände / Opioidtherapie (verzögerte Magenentleerung)
Spezifische ATA-Vorbereitung
- Großlumige Absaugung (z.B. Yankauer-Ansatz) geprüft, eingeschaltet und griffbereit!
- Magensonde (falls liegend): Vor Einleitung absaugen, auf Ablauf lassen (oder nach Hausstandard ziehen).
- Lagerung: Lagerungs- und Notfalloptionen im Team festlegen; die DGAI-S1-Leitlinie 2023 spricht keine generelle Empfehlung für Neutral-, Oberkörperhoch- oder Kopftieflagerung bei RSI aus.
- Tubus MIT Führungsstab + aufgesetzter 10-ml-Blockerspritze + Videolaryngoskop.
- Zuverlässiger i.v.-Zugang; Zahl und Kaliber der Zugänge nach Eingriff, Patientenrisiko und ärztlichem Plan.
Ablauf der klassischen RSI
- Präoxygenierung (3–5 Min.): Dicht sitzende Maske, 100% O₂, bei Messmöglichkeit möglichst bis feO₂ ≥ 0,9 (90%); klinische Situation und Vorgehen nach DGAI-S1 beachten.
- Zügige Injektion: Opioid + Hypnotikum + hochdosiertes Relaxans direkt hintereinander:
• Succinylcholin 1,0–1,5 mg/kg oder Rocuronium 1,0–1,2 mg/kg. Bei Rocuronium Sugammadex als mögliche Antagonisierung nach ärztlichem Plan verfügbar halten; bei Succinylcholin ist Sugammadex wirkungslos. - Zwischenbeatmung bei RSI: Je nach Aspirations- und Hypoxierisiko abwägen; insbesondere bei Kindern, Adipositas und drohender Hypoxämie kann vorsichtige Maskenbeatmung angezeigt sein. Dabei möglichst niedrige, wirksame Inspirationsdrücke anstreben (häufig etwa 12–15 cmH₂O als Orientierung); kein absoluter Grenzwert. Vorgehen nach ärztlicher Entscheidung und lokaler SOP.
- Intubation nach ~ 45–60 Sek., sofortiges Blocken des Cuffs, Lagekontrolle via Kapnografie!
Hinweis zum Krikoiddruck (Sellick-Handgriff): Nach der DGAI-S1-Leitlinie 2023 wird der routinemäßige Krikoiddruck nicht empfohlen, da er die Sicht bei der Laryngoskopie verschlechtern kann; im Einzelfall nach ärztlicher Maßgabe.
Rückenmarksnahe & Periphere Regionalanästhesie
Reihenfolge der Nervenfaserblockade durch Lokalanästhetika: 1. Sympathikus (Vasodilatation, Wärmegefühl, RR-Abfall) → 2. Temperatur & Schmerz (Aδ-, C-Fasern) → 3. Berührung/Druck → 4. Motorik (Aα-Fasern).
| Kriterium | Spinalanästhesie (SPA) | Periduralanästhesie (PDA / EDA) |
|---|---|---|
| Zielort der Injektion | Subarachnoidalraum (Liquorraum) – Perforation der Dura mater. | Periduralraum (Epiduralraum) – vor der Dura mater. |
| Punktionshöhe | Streng unterhalb des Conus medullaris: L2/L3, L3/L4 oder L4/L5 (Tuffier-Linie = Beckenkammverbindung ~ L4). | Lumbal (Geburtshilfe, untere Extremität) oder Thorakal (Th6–Th10 bei großen Baucheingriffen/Thorax). |
| Nadeltyp & Identifikation | Atraumatische Pencil-Point-Kanüle (Sprotte oder Whitacre, 25–27G) mit Introducer. Kennzeichen: Rückfluss von klarem Liquor. | Tuohy-Kanüle (16–18G, gebogene Spitze zur Katheterführung). Kennzeichen: Loss-of-Resistance (LOR) mit NaCl 0,9% oder Luft nach Passieren des Lig. flavum. |
| Medikamente & Volumen | Kleines Volumen (1,5 – 4 ml), z.B. Bupivacain 0,5% (isobar oder hyperbar mit Glukose) oder Prilocain 2% hyperbar. | Großes Volumen (10 – 20 ml), z.B. Ropivacain 0,2%–0,75% + ggf. Sufentanil epidurally. Zuvor: Testdosis (Ausschluss intravasaler/spinaler Lage!). |
| Anschlagzeit | Sehr schnell (2 – 10 Minuten), komplette sensomotorische Blockade. | Langsamer (15 – 30 Minuten), segmentale Ausbreitung, Katheter zur postoperativen Schmerztherapie (PCEA). |
| Typische Komplikationen | Hypotonie & Bradykardie (Sympathikolyse), postpunktioneller Kopfschmerz (PDPH, lageabhängig), Harnverhalt, Hohe/Totale Spinalanästhesie. | Akzidentelle Duraperforation („Wet Tap“ → Gefahr einer totalen Spinalen bei Gabe der vollen PDA-Dosis!), peridurales Hämatom/Abszess, LAST. |
Wichtige Periphere Nervenblockaden (Ultraschallgesteuert & Nervenstimulator)
Indikation: Schulter- & proximale Oberarm-OPs.
Komplikation: Ipsilaterale Phrenikusparese (fast 100%), Horner-Syndrom (Miosis, Ptosis, Enophthalmus), N. recurrens-Parese (Heiserkeit), Pneumothorax.
Indikation: Unterarm-, Handgelenk- & Handchirurgie.
Besonderheit: Sehr geringe Komplikationsrate (kein Pneumothoraxrisiko), Blockade von N. medianus, ulnaris, radialis und musculocutaneus.
Indikation: Knie-TEP, Kreuzbandplastik, Oberschenkelfraktur.
Besonderheit: Beim N. femoralis-Block Sturzgefahr durch Quadrizepsschwäche beachten!
Indikation: Unterschenkel-, Sprunggelenk- & Fußchirurgie (oft kombiniert mit N. femoralis/saphenus-Blockade).