Anästhesiologische Notfälle
Notfälle & Komplikationen
Lernübersicht zu akuten Zwischenfällen und sicherheitsorientierten Handlungsabläufen im OP und AWR.
Anästhesiologisches Notfallmanagement & Algorithmen
Strukturiertes Vorgehen nach ABCDE-Schema, Sofortmaßnahmen, Antidota und gewichtsadaptierte Notfalldosierungen.
1. Maligne Hyperthermie (MH)
Pathophysiologie: Genetischer Defekt des Ryanodin-Rezeptors (RYR1) der Skelettmuskulatur. Unkontrollierter Ca²⁺-Ausstrom aus dem sarkoplasmatischen Retikulum führt zu massivem Hypermetabolismus und Rhabdomyolyse.
Triggersubstanzen: Alle volatilen Inhalationsanästhetika (Sevo-, Des-, Isofluran) und Succinylcholin!
• Unerklärliche Tachykardie, Arrhythmien, Masseterspasmus / generalisierte Muskelrigidität
• Kombinierte metabolisch-respiratorische Azidose, Hyperkaliämie, Hypoxie
• Spätzeichen: Rapider Temperaturanstieg (> 1 °C / 15 Min. bis > 41 °C).
1. Triggerzufuhr SOFORT stoppen! Vapor entfernen, Aktivkohlefilter (z.B. Charcoal-Filter) zwischenschalten, Hyperventilation mit 100% O₂ und hohem Frischgasflow (≥ 10 l/min), Umstellung auf TIVA.
2. Dantrolen i.v.: Initial 2–2,5 mg/kg tatsächliches KG (max. 300 mg je Einzelgabe nach EMHG) als Bolus (Wiederholung bis zur Stabilisierung; bei unzureichendem Ansprechen können kumulativ über 10 mg/kg erforderlich werden; Dantrolen-Zubereitung und Verdünnungsvolumen sind präparateabhängig – aktuelle Fachinformation prüfen; Personal zum Aufziehen anfordern!).
3. Aktive Kühlung (kalte Infusionen, Eispacks), Azidoseausgleich (NaBic), Hyperkaliämie-Therapie (Glukose-Insulin, Calcium), Nierenfunktion und Diurese überwachen; Volumenmanagement nach Hämodynamik und ärztlicher Anordnung.
2. Lokalanästhetika-Intoxikation (LAST)
Ursache: Akzidentelle intravasale Injektion oder rasche systemische Resorption hoher LA-Dosen (insbesondere Bupivacain/Ropivacain). Blockade kardialer und zentralnervöser Na⁺-Kanäle.
• Kardiale Zeichen: Bradykardie, AV-Block, QRS-Verbreiterung, maligne ventrikuläre Tachykardien bis zur therapierefraktären Asystolie.
1. LA-Injektion sofort stoppen! 100% O₂, Atemweg und ausreichende Ventilation sichern; Hypoxie, Hyperkapnie und Azidose vermeiden, ebenso unnötige ausgeprägte Hyperventilation. Normokapnie anstreben.
2. Krampfdurchbrechung: Benzodiazepin nach ärztlicher Anordnung bevorzugen; Propofol nicht als Ersatz für Lipidemulsion verwenden.
3. Lipidemulsion 20% (ASRA-Checkliste 2020):
• Unter 70 kg: Initialbolus ca. 1,5 ml/kg i.v. über 2–3 Minuten, anschließend 0,25 ml/kg/min.
• Über 70 kg: ungefähr 100 ml Bolus, danach ungefähr 250 ml über 15–20 Minuten (Checklisten-Schema).
• Bei anhaltender Instabilität: Bolus wiederholen und Infusionsrate verdoppeln; nach Stabilisierung Infusion mindestens 15 Minuten fortsetzen. Maximal 12 ml/kg Gesamtmenge.
• Besonderheiten gegenüber regulärem ALS: Adrenalin eher niedrig dosieren, Vasopressin, Betablocker, Kalziumantagonisten und weitere Lokalanästhetika vermeiden. Hilfe und ggf. extrakorporale Unterstützung frühzeitig organisieren!
3. Laryngospasmus vs. Bronchospasmus
Auslöser: Manipulation am Atemweg / Sekret / Extubation im Exzitationsstadium (zu flache Narkose, besonders bei Kindern!).
Klinik: Inspiratorischer Stridor bis „stille Obstruktion“, paradoxe/schaukelnde Thoraxbewegung, kein etCO₂.
Therapie:
1. Reiz stoppen, Rachen vorsichtig absaugen.
2. Esmarch-Handgriff + „Larson-Manöver“ (fester Druck in die Laryngospasmus-Kerbe hinter dem Kieferwinkel) + CPAP mit 100% O₂.
3. Narkose vertiefen: Propofol (0,5–1 mg/kg i.v.).
4. Bei Hypoxie: Succinylcholin (0,5–1 mg/kg i.v., im Notfall auch i.m. 4 mg/kg) oder Rocuronium + Intubation.
Auslöser: Asthma/COPD, flache Narkose bei Intubation, Anaphylaxie, Aspiration.
Klinik: Exspiratorisches Giemen/Brummen (oder „Silent Chest“), hoher Beatmungsdruck (Ppeak ↑), Haifischflossen-Kapnografie.
Therapie:
1. FiO₂ = 1,0, Narkose vertiefen (Sevofluran oder Propofol oder Ketamin 0,5–1 mg/kg wirken stark bronchodilatatorisch!).
2. Salbutamol inhalativ (4–8 Hübe über Tubusadapter) + Ipratropiumbromid.
3. Reproterol (Bronchospasmin 0,09 mg langsam i.v.) + Prednisolon (100–250 mg i.v.) + Magnesiumsulfat (2 g i.v.) + im Extremfall Adrenalin titriert.
4. Anaphylaxie, Aspiration & Intraoperative CPR
• Soforttherapie (Prioritäten): Verdächtigen Auslöser stoppen, Hilfe rufen, Atemweg/100% O₂ sichern. Adrenalin i.v. titriert durch erfahrene Anästhesie-Fachkräfte (bei Erwachsenen initial z.B. 50 µg nach perioperativem Algorithmus) und rasche kristalloide Volumenboli (z.B. 500–1000 ml initial bei Erwachsenen). Bei fehlendem i.v.-Zugang: Adrenalin 0,5 mg i.m. (1 mg/ml). Bei persistierendem Schock ggf. Perfusor. Antihistaminika und Steroide ersetzen weder Adrenalin noch Volumen und sind nicht die akute Erstlinientherapie. Nach Stabilisierung: Tryptase-Diagnostik und allergologische Abklärung planen.
• Herzdruckmassage (100–120/min, 5–6 cm tief), Beatmung unter gesichertem Atemweg kontinuierlich mit 10/min (100% O₂, Volatila aus!).
• Defibrillierbar (VF/pVT): Sofortige Defibrillation (150–200 J biphasisch), Adrenalin 1 mg i.v. + Amiodaron 300 mg i.v. nach dem 3. Schock.
• Nicht-defibrillierbar (Asystolie/PEA): Sofort Adrenalin 1 mg i.v. (alle 3–5 Min.) + Suche nach reversiblen Ursachen (4 H & HITS: Hypoxie, Hypovolämie, Hypo-/Hyperkaliämie, Hypothermie | Herzbeuteltamponade, Intoxikation, Thromboembolie, Spannungspneumothorax).