Praxis · Postanästhesiologische Versorgung
Aufwachraum & PACU
Strukturierte Übernahme, Monitoring, postoperative Komplikationen und Kriterien für die Weiterverlegung.
Aufwachraum & PACU
Vom Eintreffen nach der Narkose bis zur sicheren Weiterverlegung: strukturierte Übergabe, Überwachung, Komplikationserkennung und Entlasskriterien.
01 · PACU: Auftrag und AblaufOrganisation, Versorgungsphasen, Überwachungsziele
Aufgabe: Die PACU sichert die unmittelbare Erholungsphase nach Allgemein-, Regional- oder Sedierungsanästhesie. Im Mittelpunkt stehen der Schutz von Atemweg und Atmung, hämodynamische Stabilität, Bewusstseinslage, Temperatur, Schmerz, Übelkeit und die Früherkennung postoperativer Komplikationen.
Grundlage: ASA Standards for Postanesthesia Care (2024); Canadian Anesthesiologists’ Society (2024).
02 · PatientenübernahmeABCDE, ISBAR und interaktive Lern-Checkliste
Priorität beim Eintreffen: Patientenidentität und Umgebung sichern, Beatmung/Atemweg und Kreislauf prüfen, Monitoring möglichst unterbrechungsfrei übernehmen. Die mündliche Übergabe erfolgt strukturiert und mit klar benannter Verantwortungsübernahme.
ISBAR – was muss übergeben werden?
- I · Identifikation
- Name/Identitätscheck, OP und zu übernehmende Person.
- S · Situation
- Eingriff, Narkoseverfahren, aktueller Zustand und besondere Ereignisse.
- B · Background
- Allergien, Komorbiditäten, OSA, relevante Vorbefunde, Nüchternheit/Medikation.
- A · Assessment
- Atemweg/Extubation, Oxygenierung, Kreislauf, Blutverlust, Volumen, Temperatur, Schmerzen, Medikamente (insbesondere letzte Opioid-/Relaxansgaben und Antagonisierung).
- R · Recommendation
- Überwachungsschwerpunkt, postoperative Anordnungen, Analgesie-/Antiemeseplan, Grenzwerte, Eskalationsweg und geplanter Weiterverlegungsort.
ABCDE direkt bei Übernahme
- A · Airway
- Durchgängigkeit, Schnarchen/Stridor, Sekrete, Atemwegshilfen.
- B · Breathing
- Frequenz, Atemtiefe, SpO₂ und O₂-Zufuhr; bei Risiko Ventilation zusätzlich beurteilen (ggf. etCO₂).
- C · Circulation
- Herzfrequenz, Blutdruck, Hautperfusion, Zugänge, OP-/Drainageverluste.
- D · Disability
- Wachheit/Sedierung, Pupillen bei Anlass, Schmerz, Glukose nach Indikation.
- E · Exposure
- Temperatur, Lagerung, Verband/Drainagen, Blutung und Komfort.
Übungs-Checkliste: Übernahme vollständig?
0 / 8Nur zum selbstständigen Lernen. Keine Patientendaten eingeben und nicht als klinische Dokumentation verwenden.
03 · Postoperative ÜberwachungRespiration, Hämodynamik, Vigilanz, Temperatur und Red Flags
In der frühen Erholungsphase sind Oxygenierung, Ventilation, Kreislauf, Bewusstsein und Temperatur besonders wichtig. Einzelwerte nie ohne Verlauf, O₂-Angebot, Ausgangszustand und klinisches Gesamtbild bewerten.
| Überwachung | Worauf achten? | Warnzeichen |
|---|---|---|
| Atemweg & Atmung | Atemfrequenz/-muster, Atemtiefe, Geräusche, SpO₂, O₂-Dosis, ggf. etCO₂ | Apnoe, Obstruktion, zunehmende Somnolenz, Hypoventilation |
| Kreislauf | RR, HF, Rhythmus, Perfusion, Blutung/Drainagen | Hypotonie mit Symptomen, Tachykardie und Blutungszeichen |
| Neurologie | Vigilanz, Erweckbarkeit, Orientierung, Delirzeichen | Neue fokale Defizite, fehlende Erweckbarkeit, Krampf |
| Temperatur | Körpertemperatur, Zittern, Wärmemanagement | Hypothermie, starkes Shivering, unerklärliche Hyperthermie |
| Schmerz & PONV | Patientenaussage, Intensität, Wirkung/Nebenwirkung von Maßnahmen | Nicht beherrschbare Schmerzen, wiederholtes Erbrechen, Aspirationsrisiko |
04 · Verzögertes ErwachenDifferenzialdiagnosen: Medikamente, Atmung, Stoffwechsel, Neurologie
Definition: Unerwartet verzögerte Wiederkehr von Wachheit und adäquater Reaktion nach Ende der Anästhesie. Es gibt keine universelle Minuten-Grenze; Medikamente, Eingriff, Ausgangszustand und Verlauf sind entscheidend.
Häufige / plausible Ursachen
- Pharmakologisch: Hypnotika-/Sedativaüberhang, Opioide, Wechselwirkungen, verlängerte Elimination.
- Respiratorisch: Hypoventilation/Hyperkapnie, Hypoxämie, Atemwegsobstruktion.
- Metabolisch: Hypo-/Hyperglykämie, Elektrolytstörung, Hypothermie, Säure-Basen-Störung.
- Neurologisch: Schlaganfall, Blutung, Krampfanfall/postiktaler Zustand.
ATA-Beobachtung und Vorbereitung
- ABCDE, Atemweg offen halten, Oxygenierung und Ventilation beurteilen; Hilfe frühzeitig anfordern.
- Aktuelle Medikamentengaben, Zeitverlauf und Antagonisierungen bereithalten.
- Temperatur, Glukose und BGA nach ärztlicher Anordnung vorbereiten.
- Neurologische Auffälligkeiten sofort melden und dokumentieren.
05 · OpioidüberhangErkennen, Atemdepression verstehen, Antagonisierung einordnen
Was passiert? Eine über die gewünschte Wirkung hinaus anhaltende Opioidwirkung kann das Atemzentrum dämpfen und das CO₂-Ansprechen abschwächen. Je nach Substanz, Dosis, Komedikation und Patient können Sedierung, Hypoventilation und Obstruktion auftreten.
Typische Hinweise
- Abnehmende Erweckbarkeit oder auffällige Sedierung.
- Bradypnoe, flache Atemzüge, Atempausen, ggf. ansteigendes etCO₂.
- Häufig Miosis; kein zuverlässiges Einzelkriterium.
- Zusätzliche Risiken: OSA, hohes Alter, weitere Sedativa, Organfunktionsstörungen.
Prioritäten im AWR
- Unverzüglich Anästhesieteam alarmieren; Atemweg, Atemfrequenz, Atemtiefe und Ventilation beurteilen.
- O₂ und geeignete Atemunterstützung nach Zustand/SOP vorbereiten und durchführen lassen; Absaugung/Beatmungsbeutel bereithalten.
- Weitere Opioidgabe stoppen lassen; Monitoring und Verlauf sichern.
- Naloxon als ärztlich angeordnete Antagonisierung: vorsichtig titrierte Wiederherstellung ausreichender Ventilation, nicht unkritisch vollständige Analgesie aufheben.
06 · RelaxansüberhangRestblockade, quantitatives TOF-Monitoring, Antagonisierung
Residualer neuromuskulärer Block: Nach einer nicht ausreichend abgeklungenen Muskelrelaxation können Atemmuskulatur und obere Atemwege geschwächt sein – auch bei vorhandenem Bewusstsein und scheinbar kräftigen Einzelbewegungen.
Verdachtszeichen
- Schwache Spontanatmung, geringe Atemtiefe, Obstruktionsneigung.
- Schwacher Husten, eingeschränkte Schluck-/Schutzfunktion, Doppelbilder oder subjektive Schwäche.
- Angst, Unruhe und Gefühl „nicht richtig atmen zu können“ bei klarem Bewusstsein.
- Zusätzliche Faktoren: Wiederholungsgaben, Wechselwirkungen, Hypothermie, individuelle Elimination.
Monitoring und weiteres Vorgehen
- Atemweg/Atmung sichern lassen; Unterstützung und Anästhesieteam anfordern.
- Quantitative TOF-Ratio ≥ 0,9 am M. adductor pollicis als Erholungskriterium nach nichtdepolarisierender Relaxation vor Extubation; subjektive Muskeltests allein reichen nicht.
- Je nach Relaxans und Blockadetiefe ärztlich angeordnete Antagonisierung, z. B. Sugammadex bei Rocuronium/Vecuronium oder Neostigmin in geeigneter Konstellation.
- Wirkung und respiratorische Erholung nach Antagonisierung erneut überwachen.
07 · PONVRisiko, postoperative Übelkeit/Erbrechen, Prophylaxe und Rescue
PONV (postoperative nausea and vomiting) bezeichnet Übelkeit und/oder Erbrechen nach Anästhesie und Operation. Neben erheblichem Unbehagen können Aspiration, Flüssigkeitsverluste und eine verzögerte Erholung auftreten.
Apfel-Risiko (Erwachsene)
- Weibliches Geschlecht.
- Nichtraucherstatus.
- Frühere PONV oder Reisekrankheit.
- Erwarteter postoperativer Opioidbedarf.
Je Faktor ein Punkt; Risikoeinschätzung, keine sichere Vorhersage. Zum Apfel-Rechner.
ATA-Praxis
- Aspirationsschutz: sichere Lagerung nach Bewusstseinslage, Absaugung bereithalten, Atemweg beobachten.
- Symptome und bereits gegebene Antiemetika samt Zeitpunkt prüfen.
- Antiemetikum nach Anordnung; bei Rescue möglichst andere Wirkstoffklasse als bei erfolgloser Prophylaxe berücksichtigen.
- Zusätzliche Auslöser beachten (z. B. Hypotonie, Schmerz, Opioide), Wirkung kontrollieren.
08 · Postoperative SchmerzenSchmerzassessment, multimodale Therapie, Wirksamkeitskontrolle
Ziel: Eine ausreichende, sichere und individuell abgestimmte Schmerzlinderung mit möglichst wenigen Nebenwirkungen; Ruhe- und Bewegungsschmerz unterscheiden. Die Aussage des wachen, kommunikationsfähigen Patienten ist zentral.
Assessment (NRS 0–10)
- 0 = kein Schmerz, 10 = stärkster vorstellbarer Schmerz.
- Ort, Qualität, Beginn, Verlauf und Auslöser erfragen.
- Wiederholte Bewertung nach Maßnahmen: Wirkung und Nebenwirkungen dokumentieren.
- Bei eingeschränkter Kommunikation geeignete beobachtungsbasierte Verfahren nach SOP nutzen.
Beobachtung und Unterstützung
- Angeordnete multimodale Behandlung berücksichtigen: Nichtopioide, Opioide, Regionalverfahren, nichtmedikamentöse Maßnahmen.
- Nach Opioiden Vigilanz, Atemfrequenz/-tiefe, O₂ und PONV beachten.
- Bei unerwartet starken Schmerzen: Blutung, Komplikation, Lagerung/Verband/Ischämie als mögliche Ursache ärztlich abklären lassen.
- Bei PDK-/peripherem Katheter auf Wirkung, Motorik, Sensibilität und Komplikationszeichen achten.
09 · Postoperatives DelirHyper- und hypoaktives Delir, Früherkennung, Maßnahmen
Ein Delir ist eine akut auftretende, häufig fluktuierende Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein mit weiteren kognitiven Veränderungen. Im AWR können auch noch Wirkungen von Anästhetika, Hypoxämie, Hyperkapnie und metabolische Ursachen ähnlich erscheinen.
Erscheinungsformen
- Hyperaktiv: Unruhe, Agitation, Desorientierung, manchmal Halluzinationen.
- Hypoaktiv: auffallend still, apathisch, in sich gekehrt – wird leicht übersehen.
- Gemischt: wechselnde Ausprägungen.
- Risikofaktoren: höheres Alter, vorbestehende kognitive Störung, akute Erkrankung, sensorische Einschränkungen, Polypharmazie.
ATA-Prinzipien
- Akute Veränderung erkennen, Arzt/Ärztin informieren, reversible Ursachen prüfen lassen.
- Orientierung fördern: ruhig ansprechen, Brille/Hörgerät, Uhr/Tageslicht, Schmerzen behandeln lassen.
- Unnötige Reizüberflutung und vermeidbare Fixierung vermeiden; Sicherheit gewährleisten.
- In PACU/AWR strukturierte Delir-Screenings nach lokalem Standard, z. B. CAM-ICU oder ICDSC, durch geschultes Personal.
10 · Entlassung aus AWR / PACUModifizierter Aldrete, weitere Kriterien und Folgeübergabe
Die Verlegung aus der PACU setzt eine klinisch geeignete Situation und dokumentierte Freigabe nach lokalen Standards voraus. Dabei hängen die Kriterien davon ab, ob die Person auf Normalstation, IMC/Intensivstation oder nach ambulantem Eingriff nach Hause geht.
Modifizierter Aldrete-Score
- Aktivität/Motorik – 0–2 Punkte.
- Atmung – 0–2 Punkte.
- Kreislauf – 0–2 Punkte.
- Bewusstsein – 0–2 Punkte.
- Oxygenierung – 0–2 Punkte.
Maximal 10 Punkte; ≥ 9 ist ein häufig verwendeter Orientierungswert, keine alleinige Entlassgenehmigung.
Zusätzliche klinische Kriterien
- Stabile Atemwegssituation, adäquate Ventilation/Oxygenierung unter geplantem O₂-Konzept.
- Kreislauf stabil bezogen auf Ausgangswert; keine relevante Blutung.
- Schmerzen und PONV ausreichend kontrolliert.
- Temperatur, Vigilanz, Mobilität und Restblockade/Regionalanästhesie berücksichtigen.
- Postoperative Anordnungen, Dokumentation, Anschlussüberwachung und Übergabe vollständig.
Quellen und Geltungsbereich
Didaktische Zusammenfassung, keine wörtliche Wiedergabe von Leitlinien. Aktualisiert: November 2026. Quellen sind anklickbar; Fachinformationen, deutsche und örtliche SOPs haben im klinischen Einsatz Vorrang.
- ASA – Standards for Postanesthesia Care, geändert 2024 (PACU, Monitoring und Entlassung)
- ASA – Neuromuskuläres Monitoring und Antagonisierung (2023)
- Fifth Consensus Guidelines for Management of PONV (2026)
- ESAIC – Postoperative Delirium Guideline (2024)
- NICE CG103 – Delirium (aktualisierte Empfehlungen 2023)
- Delayed emergence after general anesthesia (Fallübersicht)
- Clinical practice guidelines for postoperative pain management in adults
- Modifizierter Aldrete-Score – Parameterübersicht